Winterruhe - Hibernation

Alle Schildkrötenarten die ich auf meiner Seite beschreibe halten eine mehrmonatige Winterruhe, richtig Hibernation genant. In der Literatur wird die Winterruhe oft auch als Starre oder Schlaf bezeichnet. Winterschlaf ist in dem Fall eine ganz falsche Bezeichnung!
Da neben halten einige Arten, wie z.B. die Vierzehenschildkröte, auch eine Sommerruhe um die heiße Trockenperiode zu überbrücken.

Die Winterruhe gehört zum natürlichen Jahreszyklus der Landschildkröte und muss bei allen Tieren ab dem ersten Lebensjahr eingehalten werden.
Alle meine Nachzuchten halten ab Schlupf eine Winterruhe. Die Tiere wachsen langsamer, sind allgemein robuster und in den Aktivphasen agiler.

Landschildkröten sind wechselwarme Tiere die ihre Körpertemperatur nicht selbstständig regeln können. Sie sind auf die wärmende Sonne und die Umgebungstemperatur angewiesen.

Die optimale Körpertemperatur für die Tiere beträgt etwa 35°C. Fällt die Temperatur signifikant unter diesen Wert, dann werden die Tiere träge und der Stoffwechsel arbeitet nur noch langsam und unvollständig.
   Es ist daher wichtig verschiedene Temperaturzonen zu generieren, damit die Tiere ihre Körpertemperatur selbstständig regulieren können.

Fällt die Temperatur unter 20°C ab, schränken die Verdauungsenzyme ihre Aktivität ein. Die Schildkröten stellen nach einiger Zeit ihre Nahrungsaufnahme komplett ein und fangen an ihren Darm zu entleeren.
Bei unter 7°C fallen die Tiere dann in die Winterstarre. Der Stoffwechsel ist jetzt auf ein Minimum reduziert. Die Herzfrequenz beträgt nur noch etwa 5 Schläge pro Minute und auch der Sauerstoffbedarf sinkt rapide. Es werden nur noch wenige Atemzüge gemacht.


Wichtiges vor der Starre
  • Nur gesunde Tiere gehen in die Winterstarre. Kranke Tiere müssen wärend der Behandlung warm gehalten werden. Nach Möglichkeit ist eine anschließende verkürzte Winterruhe sinnvoll.
  • Im Sommer sollte frischer Kot auf Parasiten untersucht werden. Dies gibt eine Reaktionszeit vor der kommenden Winterruhe
  • Schildkröten fressen keine Fettreserven an! Der Verdauungstrakt soll entlastet werden. Baden hilft dabei.

Der Herbst kommt…
Ab etwa September kommen die ersten kalten Nächte mit weniger als 10°C. Die abnehmende Tageslänge, der geringere UV-B Anteil im Sonnenlicht sowie die hormonelle Umstellung, führt dazu, dass die Schildkröten sich selbstständig auf die Winterstarre vorbereiten.
Dies kann aber nur stattfinden wenn die Tiere draußen in einem Freigehege gehalten werden. Da in Deutschland kein geeignetes Klima herrscht müssen wir die frühere Kaltphase mit Lampen und Frühbeeten künstlich verschieben. Schauen Sie auch unter Freigehege.

Etwa Mitte Oktober wird die Nahrungsaufnahme komplett eingestellt. Danach benötigt die Schildkröte noch etwa 2 – 3 Wochen für die Darmentleerung. Diese Zeit soll für die letzte Vorbereitung auf die Starre genutzt werden.
Schildkröten dürfen weder mit prall gefülltem, noch völlig leerem Darm eingewintert werden. Eine gewisse Restmenge an Kot im Darm wird zum Start der Verdauungsprozesse im Frühjahr gebraucht.


Vorbereitung 4 Wochen Plan
1. Woche
  • Wärmestrahler nur noch 5 Stunden anschalten
  • Umgebungstemperatur Tags 20°C, nachts 12°C. Wärmestrahler weiterhin über 30°C
2. Woche
  • Wärmestrahler nur noch 4 Stunden anschalten
  • Umgebungstemperatur Tags 17°C, nachts etwa 10°C. Wärmestrahler weiterhin über 30°C
  • Die Tiere nehmen weniger Nahrung auf. Fütterung reduzieren.
3. Woche
  • Wärmestrahler nur noch 2 Stunden anschalten
  • Umgebungstemperatur Tags 15°C, nachts unter 10°C. Wärmestrahler weiterhin über 30°C
  • Die Tiere stellen die Nahrungsaufnahme weitestgehend ein. Fütterung weiter reduzieren.
  • Die Tiere für etwa 5 Minuten im lauwarmen Wasser baden.
4. Woche
  • Wärmestrahler ist ausgeschaltet
  • Umgebungstemperatur Tags 10°C, nachts ca. 6°C.
  • Es findet keine Nahrungsaufnahme mehr statt. Keine Fütterung mehr!
  • Die Überwinterungskisten sollten nun vorbereitet und auf die richtige Temperatur gebracht werden.
  • Die Tiere in der Woche zwei Mal für etwa 5 Minuten im lauwarmen Wasser baden. Der Wasserhaushalt wird so ausgeglichen.
Am Ende der vierten Woche kommen die Tiere in die Überwinterungskisten und nach 1-2 Tagen der Kontrolle in den kalten Keller oder Kühlschrank bei 4-6°C.


Vorbereitung im Terrarium
Halter von Jungtieren wünschen sich oftmals die Vorbereitung zu Hause. Dies ist möglich wenn kein geeignetes Equipment für die Freilandhaltung im Spätherbst verfügbar ist, oder zur besseren Kontrolle.
Allerdings sei hier direkt gesagt, dass diese Vorbereitung kaum praktizierbar ist. Es wird ein Raum benötigt der sich dem Außenklima annähern kann und viel Tageslicht rein lässt. Dies ist in einem normalgeheiztem Raum nicht möglich!
Der obige Plan kann hier genauso als Richtlinie benutzt werden. Einzig Lampen für eine Grundhelligkeit werden zusätzlich benötigt. Die Brenndauer kann sich hier an der Sonne richten.


Durchführung - Kühlschranküberwinterung
  • Es werden Kunststoffboxen vorbereitet die groß genug sind damit sich die Tiere ohne anzustoßen drehen können.
  • Der Boden wird mit angefeuchteter lockerer Erde befüllt. Bei Jungtieren ca. 10cm, adulte ca. 20cm hoch.
  • Jungtiere können zu mehreren in einer Kiste überwintern. Wichtig ist nur genügend Bewegungsfreiraum. Adulte Tiere sollten eher alleine in einer Box verweilen.
  • Die Tiere auf die Erde setzten und mit feuchtem Laub ca. 20cm hoch abdecken.
  • Genügend Feuchtigkeit verhindert die Austrocknung sowie Gewichtsabnahme in der Winterruhe.
  • Die Behälter müssen sicher vor Nagetieren und Zugluft stehen.
  • Überwinterungstemperatur soll unter 10°C liegen, ideal sind 4-6°C
Die Tiere verlieren während der Winterstarre nur Gewicht durch Feuchtigkeitsverlust durch das Atmen. Schildkröten bauen keine Fettreserven auf von denen sie zehren!
In der Vorbereitungszeit ist ein Gewichtsverlust von bis zu 10% durchaus normal. Dies ist logisch, da der Darmtrakt in der Zeit entleert wird. Während der Winterruhe sollte aber kein weiterer Gewichtsabbau mehr stattfinden. Kleine Tiere nehmen mit unter sogar an Gewicht zu, da sie Feuchtigkeit aus der Umgebung aufnehmen.
Verliert das Tier trotzdem an Gewicht so muss die Feuchtigkeit überprüft und bei weiterer Verschlechterung ausgewintert werden.


Dauer der Winterruhe
Die Dauer richtet sich nicht nach dem Alter der Tiere sondern nach ihrem Herkunftsgebiet! Südlicher lebende Tiere halten eine kürzere Winterruhe von 3-4 Monaten, Nördlicher oder höher lebende Tiere überwintern 4-5 Monate. Der Mittelwert von 4 Monaten ist gut geeignet bei allen Tieren wo das Herkunftsgebiet nicht eindeutig bekannt ist.

Ein grober Richtwert:
Testudo hermanni hercegovinensis – 5 Monate
Testudo hermanni hermanni – 3-4 Monate
Testudo hermanni boettgeri – 4-5 Monate
Testudo horsfieldii – 5 Monate

Jungtiere sollten genauso lange starren wie die adulten. Eine zu kurze oder sogar bewusst ausgesetzte Hibernation führt zu beschleunigtem Wachstum und krankhaften Symptomen.

Selten kommt es schon mal zu Ausfällen während der Winterruhe. Dies sind zumeist Tiere die nicht voll lebensfähig sind und spätestens die nächste Winterruhe nicht überstehen würden.
Aus diesem Grund verkaufe ich ausschließlich Tiere die ihre erste Winterruhe bei mir verbracht haben und augenscheinlich agil und gesund sind.


Ende der Winterruhe
Im Freiland wird die Aktivphase durch äußere Einflüsse wie Temperatur, vermehrter UV-B Anteil im Sonnenlicht und die zunehmende Tageslänge eingeleitet. Bei der Kühlschrankmethode muss die Aufwachphase manuell eingeleitet werden.
Der Kühlschrank wird nach Ablauf der Winterruhe innerhalb von 3 Tagen von 4°C auf ca. 12°C erwärmt. Am vierten Tag werden die Kisten in einen hellen kühlen Raum gestellt in dem tagsüber ca. 15°C erreicht werden.
Die Aufwachphase dauert etwa eine Woche, in der die Tiere immer wieder mal abtauchen. Eine Nahrungsaufnahme findet erst nach dieser Phase statt. Die Tiere werden unterschiedlich schnell agil. Versuchen sie aus der Box auszubrechen werden sie in ihr Frühbeet gebracht.

Fahren Sie die Temperaturen stetig hoch. Die Aufwachphase ist ungemein kürzer als die Vorbereitung!

Baden Sie die Tiere erst wieder wenn sie agil herum laufen. Meist trinken die Tiere zu der zeit sehr gerne um ihren Wasserhaushalt neu zu regulieren. Auch wird dabei oft der erste Harn abgesetzt.

Kontrollieren Sie nochmals das Gewicht, die Optik und das Verhalten der Tiere. Krankhafte Symptome können sich manchmal erst Tage nach dem Erwachen zeigen.
Michael Kandzia  •  Schneekoppenweg 16  •  42655 Solingen
 www.schildkroeten-planet.de